Ernst Molden: Die neuen CDs WIEN und FOAN
Mitten in der Heurigengegend, der natürlichen Wiege des wehmütig süßlichen Wienerlieds, auf jenem Anstieg zum Kahlenberg, der den gemütlichen Namen „Eiserne Hand“ trägt, „dort, wo der Mond überm Elektromasten steht“, liegt die Heimat zweier missbrauchter Geschwister. Seit sie ihren Peiniger, den bösen Onkel, selbst gerichtet haben, leben sie dort in den Bäumen. Willkommen im Wien des Ernst Molden, wo hinter der täuschenden Leichtigkeit eines von seiner schürfenden E-Gitarre aufgerauten, beschwingten Beats verlässlich die schwärzeste Story lauert. Es war letztes Jahr rund um die Veröffentlichung seines erfolgreichen letzten Albums “Bubenlieder”, da lud die verehrte Wiener Musik- und Radiopersönlichkeit Willi Resetarits Ernst Molden in seine Sendung “Trost und Rat” ein. Die beiden sangen zusammen ein paar von Moldens Liedern und eine steinerweichende Version von Townes van Zandt’s “Pancho & Lefty”.
“Beim Bier nachher in der Funkhaus-Kantine hat er mich gefragt, ob ich ihm einen Song schreiben könne”, erzählt Molden, “Das war dann die ‘Hammerschmidgossn’. Die spielt der Willi seit Herbst auch mit seiner Stubnblues-Band.” Jene Eloge auf eine Straße, die das bürgerliche Grinzing mit der proletarischen Heiligenstadt verbindet, sollte sich als eine von Moldens bisher stärksten gesungenen Wiener Geschichten mit unzweifelhaft autobiographischen Aspekten erweisen. “I foig ana foischn Spur”, heißt es da, aber gerade dieses Verwerfen von Sentimentalität umflorter Erinnerungen an “die größte Gstettn im Bezirk” und den – insbesondere im Kampf gegen die Heiligenstädter Gang – so kräftigen Jugendfreund Privoznik macht den Nachklang der Nummer umso tragischer: “I sog servas zu meina Gossn, und de Gossn griaßt net retour.”
Eine von seiner eigenen Formation (Heinz Kittner am Schlagzeug, Hannes Wirth und Stephan Stanzel von A Life, A Song, A Cigarette an Gitarre und Bass) begleitete, im inbrünstigen Duett mit Resetarits gesungene Version der “Hammerschmidgossn” hat es nun als “Extra”-Stück auf Moldens neuestes Werk geschafft, dessen schlichter, aber kühner Titel “Wien” das große Konzept eines Stadtporträts suggeriert – schon wieder eine falsche Spur, entsprang dieses Album doch vielmehr als ungeplante Wucherung der rastlosen Imagination des Vielschreibers Molden.
Zunächst ging es bloß um eine EP etwas älterer, zu Unrecht übersehener Lieder wie “Wiesenliegen”, “Nach dem Regen” oder das subtile Selbstmorddrama “Hotel”, aber dann folgten noch weitere Sessions mit Kittner, Stanzel, Wirth und Backing-Vokalistin Sibylle Kefer, sowie Gästen Alex Meissl (Bass), Rainer Krispel (Stimme) Robert Rotifer (Gitarre) in Daniel Grailachs “Tonkombüse” genanntem Heimstudio, alles unter der pedantischen Aufsicht des Münchner Klangkünstlers und Vinylfetischisten Kalle Laar.
Molden lernte Laar über dessen Frau Augusta kennen, mit der er 1998 die von Nick Cave geleitete Klasse der Wiener Schule für Dichtung zum Thema des Lovesong besucht hatte. “Irgendwann”, erzählt Molden, “hat die dann den Kalle als neuen Liebsten - und späteren Gatten - angebracht. Dann haben wir bei zwei Alben über Kooperationen nur geredet, und seit den ‘Bubenliedern’ tun wir’s auch.”
Und wie. Bei der gemeinsamen Arbeit entwickeln der Songschreiber und sein Produzent einen für Außenstehende kaum nachvollziehbaren kritischen Blick auf jede kleinste Färbung in Moldens Vortrag, wobei Laar Molden mindestens so oft zum Stehenlassen wie zum Überdenken seiner zumeist live mit der Band eingespielten Takes fordert.
So kommen dann auch mitreißend nackte Momente wie der bloß von einer böse schnarrenden Akustikgitarre begleitete „Luegerplatz“ zustande, eine Nummer über ein oft vergessenes Eck der Wiener Innenstadt, die Molden während des Wartens auf die Aufnahme-Session auf einer Parkbank schrieb und prompt in ihrer rauesten Urform verewigte. Auf der anderen Seite des Wienflusses im dritten Bezirk verkehren die Figuren aus „Sankt Elisabeth“, zwischen dem gleichnamigen katholischen Krankenhaus und dem verlotterten Landstraßer Bahnhof, wo die Polizisten die Verbrecher und die Verbrecher das Geld ordnen.
Jenseits des Donaukanals wiederum, wo in und um die Rustenschacher Allee des Nachts die ärmsten Huren der Stadt auf den Strich gehen, spielt die düstere Geschichte des Titelsongs „Wien“, gleichzeitig ein zeitgenössisches Pendant und – in seinem ungeziert mitfühlenden Ton – ein polarer Gegensatz zum Zynismus von Gerhard Bronners legendärer „Engelmacherin“.
Es ist eine Welt, in der sich Molden als sprachverliebter Schriftsteller und leidenschaftlicher Liebhaber der Wiener Gruppe schon auf seinen Alben „Nimm mich Schwester“, „Haus des Meeres“ und „Bubenlieder“ umsah, lange bevor es wieder modern wurde, die Verbindungen zwischen Helmut Qualtinger und den guten Seiten des sogenannten Austropop zu erkunden. Folglich kennt sich auch keiner in dieser Welt so gut aus wie er, der sich dieser Tage statt der gern als hochtrabendes Qualitätsprädikat missbrauchten Bezeichnung „Songwriter“ eigentlich lieber einen „Liedermacher“ nennt.
“Ich komme aus Wien. Ich kann nichts dafür”, sagt Ernst Molden, “Und ich hätte es viel schlimmer treffen können. Ich bewege mich von Zeit zu Zeit aus Wien fort, eine Art seelisches Gummiband zieht mich wieder zurück. ‘Wien’ ist die Platte, mit der ich der Welt meine Stadt zeige. Wo man dort wohnt, wo man dort heult, wo man lacht, wo man begraben sein will und wo man sich küsst.”
Es gibt übrigens auch schon ein Gegenstück zu “Wien”, nämlich "Foan", eine Platte übersetzter “uaspringlich auslendischa numman” aus dem anglo-amerikanischen Kanon, mit der Molden umgekehrt seiner Stadt die Welt zeigen will.
Parallel lassen wir uns von "Wien" durch Ernst Moldens Stadt führen und mit auf die “Ostfahrt” nehmen, wo uns im Zugabteil die Mädchen “Stille Nacht auf Russisch singen”, solange “niemand kommt das zu verbieten”, bis hinein in den Frühling, wenn wir mit seinen Liedern im Kopf in den Wiesen liegen werden, samt “Ameisen mit Nudeln im Geschirr”, denn “Das Leben gibt uns Waffenstillstand, solang’s in dieser Muschel braust“. Was für eine Platte.
(Robert Rotifer, Jänner 2008)
Die zwei CD's - "Wien" und "Foan" sind ab dem 04.04.2008 im österreichischen Handel erhältlich.


“Beim Bier nachher in der Funkhaus-Kantine hat er mich gefragt, ob ich ihm einen Song schreiben könne”, erzählt Molden, “Das war dann die ‘Hammerschmidgossn’. Die spielt der Willi seit Herbst auch mit seiner Stubnblues-Band.” Jene Eloge auf eine Straße, die das bürgerliche Grinzing mit der proletarischen Heiligenstadt verbindet, sollte sich als eine von Moldens bisher stärksten gesungenen Wiener Geschichten mit unzweifelhaft autobiographischen Aspekten erweisen. “I foig ana foischn Spur”, heißt es da, aber gerade dieses Verwerfen von Sentimentalität umflorter Erinnerungen an “die größte Gstettn im Bezirk” und den – insbesondere im Kampf gegen die Heiligenstädter Gang – so kräftigen Jugendfreund Privoznik macht den Nachklang der Nummer umso tragischer: “I sog servas zu meina Gossn, und de Gossn griaßt net retour.”
Eine von seiner eigenen Formation (Heinz Kittner am Schlagzeug, Hannes Wirth und Stephan Stanzel von A Life, A Song, A Cigarette an Gitarre und Bass) begleitete, im inbrünstigen Duett mit Resetarits gesungene Version der “Hammerschmidgossn” hat es nun als “Extra”-Stück auf Moldens neuestes Werk geschafft, dessen schlichter, aber kühner Titel “Wien” das große Konzept eines Stadtporträts suggeriert – schon wieder eine falsche Spur, entsprang dieses Album doch vielmehr als ungeplante Wucherung der rastlosen Imagination des Vielschreibers Molden.
Zunächst ging es bloß um eine EP etwas älterer, zu Unrecht übersehener Lieder wie “Wiesenliegen”, “Nach dem Regen” oder das subtile Selbstmorddrama “Hotel”, aber dann folgten noch weitere Sessions mit Kittner, Stanzel, Wirth und Backing-Vokalistin Sibylle Kefer, sowie Gästen Alex Meissl (Bass), Rainer Krispel (Stimme) Robert Rotifer (Gitarre) in Daniel Grailachs “Tonkombüse” genanntem Heimstudio, alles unter der pedantischen Aufsicht des Münchner Klangkünstlers und Vinylfetischisten Kalle Laar.
Molden lernte Laar über dessen Frau Augusta kennen, mit der er 1998 die von Nick Cave geleitete Klasse der Wiener Schule für Dichtung zum Thema des Lovesong besucht hatte. “Irgendwann”, erzählt Molden, “hat die dann den Kalle als neuen Liebsten - und späteren Gatten - angebracht. Dann haben wir bei zwei Alben über Kooperationen nur geredet, und seit den ‘Bubenliedern’ tun wir’s auch.”
Und wie. Bei der gemeinsamen Arbeit entwickeln der Songschreiber und sein Produzent einen für Außenstehende kaum nachvollziehbaren kritischen Blick auf jede kleinste Färbung in Moldens Vortrag, wobei Laar Molden mindestens so oft zum Stehenlassen wie zum Überdenken seiner zumeist live mit der Band eingespielten Takes fordert.
So kommen dann auch mitreißend nackte Momente wie der bloß von einer böse schnarrenden Akustikgitarre begleitete „Luegerplatz“ zustande, eine Nummer über ein oft vergessenes Eck der Wiener Innenstadt, die Molden während des Wartens auf die Aufnahme-Session auf einer Parkbank schrieb und prompt in ihrer rauesten Urform verewigte. Auf der anderen Seite des Wienflusses im dritten Bezirk verkehren die Figuren aus „Sankt Elisabeth“, zwischen dem gleichnamigen katholischen Krankenhaus und dem verlotterten Landstraßer Bahnhof, wo die Polizisten die Verbrecher und die Verbrecher das Geld ordnen.
Jenseits des Donaukanals wiederum, wo in und um die Rustenschacher Allee des Nachts die ärmsten Huren der Stadt auf den Strich gehen, spielt die düstere Geschichte des Titelsongs „Wien“, gleichzeitig ein zeitgenössisches Pendant und – in seinem ungeziert mitfühlenden Ton – ein polarer Gegensatz zum Zynismus von Gerhard Bronners legendärer „Engelmacherin“.
Es ist eine Welt, in der sich Molden als sprachverliebter Schriftsteller und leidenschaftlicher Liebhaber der Wiener Gruppe schon auf seinen Alben „Nimm mich Schwester“, „Haus des Meeres“ und „Bubenlieder“ umsah, lange bevor es wieder modern wurde, die Verbindungen zwischen Helmut Qualtinger und den guten Seiten des sogenannten Austropop zu erkunden. Folglich kennt sich auch keiner in dieser Welt so gut aus wie er, der sich dieser Tage statt der gern als hochtrabendes Qualitätsprädikat missbrauchten Bezeichnung „Songwriter“ eigentlich lieber einen „Liedermacher“ nennt.
“Ich komme aus Wien. Ich kann nichts dafür”, sagt Ernst Molden, “Und ich hätte es viel schlimmer treffen können. Ich bewege mich von Zeit zu Zeit aus Wien fort, eine Art seelisches Gummiband zieht mich wieder zurück. ‘Wien’ ist die Platte, mit der ich der Welt meine Stadt zeige. Wo man dort wohnt, wo man dort heult, wo man lacht, wo man begraben sein will und wo man sich küsst.”
Es gibt übrigens auch schon ein Gegenstück zu “Wien”, nämlich "Foan", eine Platte übersetzter “uaspringlich auslendischa numman” aus dem anglo-amerikanischen Kanon, mit der Molden umgekehrt seiner Stadt die Welt zeigen will.
Parallel lassen wir uns von "Wien" durch Ernst Moldens Stadt führen und mit auf die “Ostfahrt” nehmen, wo uns im Zugabteil die Mädchen “Stille Nacht auf Russisch singen”, solange “niemand kommt das zu verbieten”, bis hinein in den Frühling, wenn wir mit seinen Liedern im Kopf in den Wiesen liegen werden, samt “Ameisen mit Nudeln im Geschirr”, denn “Das Leben gibt uns Waffenstillstand, solang’s in dieser Muschel braust“. Was für eine Platte.
(Robert Rotifer, Jänner 2008)
Die zwei CD's - "Wien" und "Foan" sind ab dem 04.04.2008 im österreichischen Handel erhältlich.

franzjoseph - 24. Okt, 23:16














