Pressestimmen zu Rotifer: Coach Number 12 of 11
FM-Charts | 19.01.08 | charts.orf.at/fm4
Bester Neueinstig der Woche: "I Believe You" | Platz 15
Tanz die Frankfurter Küche
Glaubt man dem liebsten Sinnspruch poptheoretischer Intellektuellenfeindlichkeit, so ist über Musik zu schreiben dasselbe wie über Architektur zu tanzen. Robert Rotifer ist bereits berufsbedingt davor gefeit, diesen Blödsinn zu unterschreiben. Der in England lebende Wiener ist zwar kein Experte in Sachen funky Architektur, aber ein auch Falter-Lesern bestens bekannter Popschreiber.
In seiner Zweitidentität als Singer/Songwriter hat Rotifer die Sache mit der Architektur und dem Tanzen soeben auf charmante Art dialektisch gelöst. „The Frankfurt Kitchen“, das markanteste Stück seines vierten Albums „Coach Number 12 of 11“, ist ein akustisches Denkmal für die österreichische Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000). Ein Denkmal aber, das nicht bestaunt, sondern betanzt werden möchte, erinnert die eingängige Ausgelassenheit des Liedes doch an die prachtvolle kanadische Queer-Folk-Predigergemeinschaft The Hidden Cameras. „Neben Jonathan Richman waren die Hidden Cameras tatsächlich ein Anhaltspunkt, weil da immer alles so schön schiebt und schiebt und schiebt“, bestätigt Rotifer.
Stand er bisher vor allem für feingedrechselte Singer/Songwriter-Kunst, die sich an den einschlägig versierten Connaisseur wendet, so strahlt „Coach Number 12 of 11“ eine neue Lockerheit aus, die Rotifers Musik künftig auch ins Sortiment qualitätssicherer Indiepop-DJs bringen sollte. „Schengenländer Die!“, der Hit des letzten Albums „Before the Water Wars“, war in seiner fröhlichen Eingängigkeit noch eine Ausnahme, die neue CD ist von einer ganzen Reihe derartiger Lieder geprägt. Zu „I Believe You“ liegt auf YouTube sogar ein entzückendes Video vor, das Rotifer selbst gezeichnet und sein Wohnzimmer-Labelboss Lelo Brossmann animiert hat.
„Ich habe es genossen, dass die Leute die Songs ernstgenommen und wirklich zugehört haben, aber bei den Gigs ist es mir immer ein wenig vorgekommen, als würde ich von den Leuten was verlangen, statt ihnen was zu geben“, erklärt Rotifer. „Das war alles mehr ‚künstlerisch wertvoll‘ als Pop. Und beim Setlist-Schreiben hätte ich immer gern mehr ‚Schengenländers‘ im Programm gehabt. Also hab ich mir gedacht: Schreib einfach welche!“
Dass ihm dabei ausgerechnet eine verstorbene Architektin behilflich war, liegt nicht zuletzt
in der Familiengeschichte des Musikers begründet: Schütte-Lihotzky war Vorgängerin seiner Oma als Präsidentin des kommunistischen Bunds Demokratischer Frauen. „Die schiere Rhythmik dieses Namens hat förmlich auf einen Song gewartet, genauso wie sich die Frankfurter Küche (Prototyp der modernen Einbauküche, Anm. d. Red.) großartig für eine Aufzählung von Wörtern eignet, die normalerweise in keinem Rock-’n’-Roll-Song vorkommen. Außerdem ist der Begriff eine unglaublich gute Metapher, sowohl für die Anerkennung von Hausarbeit als Arbeit als auch für die Ambivalenz rationaler Fortschrittsideen.“ Er wisse sehr wohl, dass Schütte-Lihotzky nicht nur diese Küche gemacht habe, betont Rotifer im CD-Booklet. „Aber Popsongs leben eben von der Reduktion.“
„Was für ein Glück, dass Robert nicht bekannter ist“, schreibt der britische Musiker Darren Hayman in den Linernotes zur neuen CD. „Es liegt an den Unbekannten, Songs über Züge und Küchendesignerinnen zu schreiben, die Berühmten kümmern sich da nicht wirklich drum.“ Als Hayman diese Zeilen ablieferte, entschuldigte er sich vorsorglich für den Sarkasmus. „Aber so soll’s natürlich sein“, sagt Rotifer lachend. „Außerdem sichert er mir damit den Mitleidseffekt."
Gerhard Stöger | Falter | Wien 3/2008 vom 16.1.08 (Seite 63)
Rotifer: "Coach Number 12 of 11"
Zugegeben, die letzte Platte des britischsten aller Österreicher hat mich nicht so ganz überzeugt - "Coach Number 12 of 11" ist jedoch ein anderes Kaliber: Entspannter, leichtfüßiger, irgendwie freigespielt klingt Robert Rotifer - als wäre er endlich da angekommen, wo er immer hinwollte: I am spilling the urn of the mighty fern, I am burning the memory of mass extinction, and I'll go on until there's nothing left to burn. Zwischen Ray Davies und Edwyn Collins ist der räumliche und zeitliche Migrant Rotifer ans Sound-Ziel gelangt - und Songs wie "Plane & Motorway" oder "Happy All Your Life" klingen so, als wären sie schon immer um uns herum gewesen. (Wohnzimmer/Hoanzl)
Josefson
Rotifer: "Coach Number 12 of 11"
Der britische Österreicher mit Wahlheimat bei den Linksfahrern erfreut auf seinem neuen Album mit herrlich emphatischem Schrammel-Rock, für den das Label Rough Trade in den 80ern innig geliebt wurde: melodieselig, geradlinig ohne deshalb die Subtilität außen vor zu lassen, widmet sich Rotifer dem Reisen. Dem zwischen den Kulturen, Ländern – und den kleinen Fallen auf dem Bahnsteig beim Umsteigen. Dort begegnet er gleich im ersten Song Jonathan Richman. Klingt gut? Yep - demnächst mehr darüber. Watch out! (Wohnzimmer Rec./Hoanzl)
Fluch
Die Dringlichkeit der Middleclass
Forcierter Schrammelrock und die Beobachtungen eines Kulturasylanten: Der in England lebende Wiener Musikjournalist Robert Rotifer veröffentlicht das Album "Coach Number 12 Of 11"
Demnächst tourt er mit seiner Band durch Österreich.
Wien – Es ist eine etwas seltsame Situation: Ein Musikjournalist interviewt einen anderen singenden und gitarrespielenden Musikjournalisten. Das ist ein wenig so, als würde ein nichtsingender Fußballer einen singenden Fußballer interviewen. Wobei der qualitative Unterschied zwischen, sagen wir, Hans Krankl oder Toni Polster zum Musiker Robert Rotifer mindestens so groß ist, wie der Unterschied zwischen dem Fußballer Rotifer zu Toni oder Hanse. Weil das also ein bisserl eigen ist, wird der Ball gleich einmal abgegeben. Frage: Wie würde Robert Rotifer, Musikjournalist bei FM4 und Popsachverständiger für diverse heimische und deutsche Blätter, den Musiker Rotifer beurteilen?
Rotifer nach einer längeren Pause: "Der würde, glaub ich, sagen, dass viele Ansätze da sind, die nicht konsequent durchgezogen werden. Aber das ist natürlich eine schwierige Frage. Meine Frau hat einen iPod, da spiel ich mir vor Interviews oft Sachen rauf, und da sind auch meine Alben drauf, die ich dann seit Jahren zum ersten Mal wieder höre. Da gibt es dann Sachen, bei denen man sich denkt, das hätte ich gerne noch einmal gesungen. Aber das geht wahrscheinlich allen Musikern so. Die, mit denen ich rede, die halten es gar nicht aus, die eigene Musik zu hören. Aber ich glaube, dass der Kritiker – und wenn's nicht so wäre, wäre es ja ein Desaster! – mit der neuen Platte am zufriedensten wäre."
Diese heißt Coach Number 12 Of 11 und ist eine sympathische Platte aus dem sympathischen Genre des Schrammelrock. Also gitarrenlastige, poppige Rockmusik, die bei einem Kulturasylanten wie Rotifer einer ist, eine entsprechende Tendenz aufweist. Rotifer: "Das Album hat viele regressive Sixties-Dinge. Regressiv ist das Schlüsselwort. Es ist eine fast unverschämt regressive Platte. Eine zügige Gitarrenrockplatte, die ich immer gemocht, aber noch nie gemacht habe."
"Die Sprache des Pop"
Rotifer (38), der ein wenig wie Bill Gates als Paul-Weller-Fan aussieht, lebt seit elf Jahren in England. Zuerst in London, jetzt in Canterbury. Hat sich die Verkrampfung, Englisch zu singen, bereits gelöst? Rotifer: "Nachdem ich mittlerweile zwei Kinder habe, die mit mir nur Englisch reden, gibt es dieses Gefühl, dass ich da was umdrehe, nicht mehr. Ich habe Englisch-Singen immer als internationale Geste verstanden. Ich mag Sachen, die auf Deutsch gesungen sind, aber für mich ist Englisch die internationale Sprache der Popmusik."
Trotz britischer Prägung, die nicht zu gering aus dem kinksschen Universum kommt, eröffnet das Album aber transatlantisch mit einer countryesken Nummer, die recht deutlich Jonathan Richmans Instrumental Egyptian Reggae zitiert.
Rotifer: "Ich habe mit großer Verspätung den Film I Walk The Line (eine Johnny-Cash-Biografie, Anm.) angeschaut und mir gedacht, warum habe ich eigentlich nie diesen Zugrhythmus verwendet? Den habe ich dann ausprobiert, und es wurde sofort ein Song daraus."
Die Gefahr, dass Rotifer demnächst auf Cowboy umsattelt, besteht dennoch nicht. Das Britische scheint für ihn ähnlich dauerfaszinierend zu sein, wie es New York für Woody Allen ist – mit allen Höhen und Tiefen, die derlei Obsessionen begleiten. Rotifer: "Ich bin in ja in England in einer unfassbar privilegierten Situation, weil ich nicht in einer englischen Firma arbeiten muss. Ich glaube, ich würde das keinen Tag aushalten. Die machen alle irrsinnige Überstunden, haben irrsinnigen Arbeits- und Statusdruck. Das ist ein Grund, warum Popmusik von dort so gut ist, weil sie eine Dringlichkeit besitzt, die nicht nur aus dem bekannten Klischee 'Werde ich Fußballer, Verbrecher oder Popmusiker?' kommt, sondern vor allem auch versucht, aus diesem Berufsleben rauszukommen. Deshalb macht auch die Middleclass sehr gute Popmusik in Großbritannien, weil sie in einem unerträglichen Leben lebt. Insofern führe ich eine Parallelexistenz, indem ich so herumfreelance. Damit verdiene ich zwar viel weniger, aber ich kann mich dafür aus den ungustiösen Dingen ausklinken." Dass er vom Ungustiösen weitgehend verschont bleibt, mag den – bei aller auch hier spürbaren Dringlichkeit – entspannten Charakter des Albums mit ausmachen. Es ist geradlinig, gönnt sich aber kleine, verspielte Eilande, die wesentlich seinen Charme bestimmen. Und es wirkt gänzlich unkarrieristisch.
Letzte Frage an den Musiker im Journalisten: Wann ist ein Album ein gutes Album? Rotifer: "Wenn man es anhören kann, ohne an sich selbst denken zu müssen."
Als von dieser Bürde Befreiter kann man ganz einfach sagen: Es ist toll!
Karl Fluch | DER STANDARD | Print-Ausgabe | 16. 01. 08
Der in Wien geborene, in England lebende Musikjournalist Robert Rotifer schreibt nicht nur die besten und informativsten Popberichte in heimischen Magazinen, er ist auch ein passabler Sänger und – noch besserer – Songwriter, wie er schon auf drei Alben bisher bewies. Sein neues Werk, "Coach Number 12 of 11", ist besonders gelungen. Bester britischer Pop, den man, wenn man will, mit den Kinks assoziieren kann, oder wackeren Solisten, wie etwa Wreckless Eric, dem auch eine Nummer gewidmet ist. Auch eine Hommage an die Architektin Schütte-Lihotzky und ihre "Frankfurter Küche" findet sich auf diesem erfrischend abwechslungsreichen Album, das mit "Who Do You Know" einen der schönsten Popsongs in letzter Zeit beinhaltet.
Gerald Schmickl | Wiener Zeitung | 18. 01 08
Sympathisch leichtfüßige Songs des Popdenkers.
Wer ein Zugticket mit einer Sitzplatzreservierung in Wagon 12 kauft, der staunt nicht schlecht, wenn der einfahrende Zug nur aus elf Wagons besteht. Hier soll es jedoch nicht um Probleme im Bahn-Personenverkehr gehen. Wir haben unsererseits über das neue Album des in England lebenden österreichischen Musikjournalisten und Singer-Songwriters Robert Rotifer nicht schlecht gestaunt. Der geschätzte Kollege hat bislang drei Alben mit schönen, spannenden Songs gemacht, denen trotzdem irgendetwas abzugehen schien. Jetzt vermag man es zu benennen: Die alten Songs trauten sich nicht richtig aus sich heraus, waren sozusagen in ihrem eigenen Kunstanspruch gefangen. Was zur Folge hatte, dass man den Vorgänger Before The Water Wars (2006) trotz seiner Gelungenheit nicht so oft auflegte, wie er es vielleicht verdient hätte. Bei Coach Number 12 Of 11 ist das nun anders. Rotifer hat sich locker gemacht und überzeugt nun nicht nur mit liebevollem Songwriting und klugen Texten, sondern erfreut auch durch Schwung und hohen Unterhaltungswert. Es erzeugt gewiss einen Mehrwert zu wissen, dass der Song „The Frankfurt Kitchen“ ein Tribut an die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) ist. Man kann aber auch einfach nur dazu tanzen. In seinem musikalischen Gestus nähert sich Rotifer immer mehr Helden wie Ray Davies, Jonathan Richman oder Edwyn Collins an. Dabei klingt er nie epigonal. Vielleicht muss ja schon bald für neue Fans ein zwölfter Wagon angehängt werden. In diesem Sinne: Bitte einsteigen.
Sebastian Fasthuber (01-2008)
Down in Albion
Wer eine Geschichte zu erzählen hat, soll diese niederschreiben. Robert Rotifer, seines Zeichens Musikjournalist, lebt in England und tut dies wieder mal. Mit seinem neuen Album „Coach Number 12 of 11“.
„Robert writes in his second language better than I think in my first.“ Diese Sentenz stammt von Darren Hayman, Frontman und Songwriter der englischen Band Hefner und beschreibt die qualitativ hochwertigen englischen Sprachkenntnisse des Musikers und Journalisten Robert Rotifer. Man darf es also durchaus als ein Kompliment auffassen, wenn ein Engländer einem Österreicher ein besseres englisches Sprachgefühl unterstellt. Grund dieses getätigten Satzes ist das neue, dieser Tage erscheinende Album von Rotifer, Coach Number 12 of 11. Robert Rotifer, im Brotberuf Musikjournalist, hobbymäßig Sänger und Gitarrist, aus Wien, ist vor 11 Jahren nach London gezogen. Später übersiedelte er nach Canterbury, jener Stadt, die bereits in den 70ern des 20. Jahrhunderts mit Protagonisten wie Fred Frith für musikalische Aufruhr sorgte. Dort lebt er jetzt mit Frau und Kindern in einem Haus. Was sich unaufgeregt lesen mag, grenzt beinahe an Wahnsinn.
Ein Leben für den Pop
Wenn man eine Figur für die Erörterung des Wortes Multi-Tasking braucht, kann man hierzu getrost Herrn Rotifer heranziehen. Nicht nur, dass er ständig Texte produziert, eine zweiwöchentliche Radiosendung (Heartbeat) aufstellt, schafft er es auch noch – beinahe nebenbei – alle zwei Jahre ein gelungenes Album herauszubringen; und natürlich ebenfalls das Cover selbst zu malen. In diesem Fall Coach Number 12 of 11, das er wieder mit seiner Stammbesetzung, darunter unter anderem der bereits erwähnte Musiker Darren Hayman, der den Moog bedient, einspielte. Auch das Studio, in dem das Werk aufgenommen wurde, hat sich nicht geändert. So wurde dafür das Londoner Studio von Brian O` Shaughnessy, der bereits mit Bands wie Primal Scream und The Clientele kooperierte, gewählt. Und auch der Inhalt dieses Album zeugt nur von dem britophilen Genie des Pop-Liebhabers Rotifer.
Lieder vom Moloch Londonia
Die Kraft seiner im wahrsten Sinn des Wortes Pop-Songs schöpft sich aus den individuellen Akkorden, der Stimme und dem gesamten Arrangement. Alles in allem ergibt es eine liebliche, introspektiv gehaltene Singer-Songwriter-Stimmung, die permanent von einem (Grund-)Thema erzählt: Das Leben als Exilant im Moloch London – auch wenn man seit geraumer Zeit nicht mehr dort wohnhaft ist. Selbst Coach Number 12 of 11 funktioniert nach jenem Muster, das so passabel erscheint: Spannende Erfahrungen, Abenteuer und Anekdoten, die einem alles popkulturell Relevante absorbierendem Österreicher im Angelsächsischen passieren einfach und unverblümt als Song wiederzugeben. Dadurch entwickelt sich, vielleicht sogar unbewusst, ein hohes suggestives Moment, das die Pop-Musik ausmacht. Weil gerade durch Reflexion des Alltäglichen, manchmal auch Banalen, entstehen die wundervollsten Lieder. Der Song Plane & Motorway verdeutlicht dieses magische Konzept: „… I booked a flight on that day across the stormy sea... All for a talk with a singer who did not want to speak...” Auch wenn diese Zeilen nicht unbedingt die Maxime an Spannung herauszuholen vermögen, so ist der Umstand, dass uns hier jemand wunderschöne Passagen von der britischen Insel nahebringen möchte, authentisch und kraftvoll. Stories, die einem vom Stau geplagten Journalisten wie selbstverständlich von der Hand gehen. Wenn dann auch noch das Horn, gespielt von Thomas Allard, dieses Emotionen rührende Instrument, als Untermalung dient, droht beinahe eine gehörige Gefühlsregung. Schlimm ist dieser Effekt, dieser Affekt, auch hier nicht, denn: Schließlich hört man doch die aktuellste und vor allem gelungenste britische Popmusik.
Johannes Rausch | fm5.at
franzjoseph - 17. Okt, 01:13














