KALLE LAAR | Von Hör-Reisen und Ohren-Kinos

Kalle Laar, in Deutschland geboren, aber lettisch-estnischer Herkunft, bewegte sich Anfang der 90er Jahre in der Improvisationsszene als Gitarrist im Duo mit Takashi Kazamaki. Man spürt auch sofort bei seinen DJ-Auftritten, dass hier ein Musiker am Pult steht den Formen und ihrer Selbstauflösung spielt. Plattenspieler und Mischpult sind für ihn legitime Musikinstrumente, die lediglich anders zu bedienen sind als die herkömmlichen.

Seine Musik hat mittlerweile eine solche Detailsensibilität entwickelt, dass sich die Frage nach stilistischen und kulturellen Grenzen oder Kategorien (wie tanzbar vs. nicht tanzbar) gar nicht mehr stellt - es ist ein einziger Fluss der Klänge. Er selbst spricht von "Hör-Reisen", man kann auch Ohrenkino dazu sagen. Denn wie ein Film folgen die Klänge, die eingebetteten Songs, die Verweise und Zitate einer Dramaturgie, die durch und durch musikalisch ist.

Das Exotische steht hier neben dem Alltäglichen und eins verwandelt das andere, schärft nicht nur die Wahrnehmung für feine Klänge und Differenzen, sondern relativiert auch die Vorstellungen, die man sich von dem Nahen und dem Fremden gemacht hat. Wenn man diese Performances mit einem Begriff belegen möchte, dann vielleicht mit dem Attribut "selbstbefremdlich", denn innerhalb dieses Kontinuums gelingt es Kalle Laar, die Musik sich selbst in Frage stellen zu lassen.

Kalle Laar ist u.a. auf CDs mit Elliott Sharp, Christian Marclav, William Parker, Kazutoki Umezu zu hören. Inzwischen liegen neben Soloauftritten im Spannungsfeld zwischen DJ- und elektronischer Musik die Schwerpunkte auf der Entwicklung von Klanginstallationen, der Arbeit an Hörspielen und der Komposition von Theatermusik. Zusätzlich arbeitet Kalle Laar noch als Herausgeber für das Trikont - Our Own Voice-Label (u.a. La Paloma, Coco Schumann), besitzt einen Lehrauftrag für Architektur und Klang an der Fachhochschule München.

1996 gründet Laar zusammen mit der Künstlerin Barbara Holzherr das TEMPORÄRE KLANGMUSEUM in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, wo er als musikalischer Leiter und DJ die Veranstaltungsreihe "Nächte der verlorenen Musik" betreut.

Christian Wolf, Saalfelden Jazzfestival Programm 2002